Ernst Jünger – Waldgänger in nihilistischen Zeiten

Ernst-JüngerSeismographisch erkannte Ernst Jünger in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts,  dass dem abendländischen Menschen die uralten Sinnquellen zu versiegen drohen. Seine Einschätzung ist angesichts des immensen Bedeutungsverlustes, den die traditionellen Kirchen gegenwärtig beklagen, aktueller denn je. Der heraufziehende Nihilismus machte aus Ernst Jünger aber keinen Pessimisten oder gar Defätisten. In seinem fulminanten Essay Der Waldgang zeigte er vielmehr, wie sich der Einzelne gegen die nihilistische Gefahr behaupten kann.

Relativismus als Lebensform?

Kritisch konstatierte der US-amerikanische Philosoph und Professor Allan Bloom in seinem 1987 erschienen Werk Der Niedergang des amerikanischen Geistes, dass der Satz „Wahrheit ist relativ“, der einzige sei, den jeder seiner Studenten für wahr halte. Und wer ihn heute gegenüber dem Wahrheitsanspruch der Offenbarungsreligionen äußert, will damit natürlich explizit seine aufgeklärte und fortschrittliche Gesinnung kundtun.

Jedoch ist auch bei diesen Relativisten nach wie vor ein metaphysisches Bedürfnis vorhanden, ohne dass sie sich darüber unbedingt im Klaren sind. Denn als Wissenschaftler und Intellektuelle vertreten sie zwar offensiv eine relativistische Erkenntnistheorie, aber sie können letztlich nicht relativistisch leben. Deshalb greifen sie in ihrer privaten Lebensführung mehr oder weniger bewusst auf neue Sinnangebote zurück.

Ersatzreligionen haben laut Ernst Jünger Hochkonjunktur

Über diesen Vorgang tauschte sich Jünger bereits 1950 in einem Briefwechsel mit einem anderen großen Zeitdiagnostiker – Martin Heidegger – rege aus und bemerkte schließlich in Über die Linie eindrucksvoll:

Es kommt wie unter einem niederen Götterhimmel zu Ersatzreligionen von unabsehbarer Zahl. Ja, man kann sagen, daß durch die Entthronung der obersten Werte nun all und jedes die Möglichkeit der kultischen Beleuchtung und Sinngebung gewinnt. Nicht nur die Naturwissenschaften treten in diese Rolle ein. Die Weltanschauungen und die Sekten gedeihen; es ist eine Zeit der Apostel ohne Aufträge. Endlich lassen sich auch die politischen Parteien die Apotheose zuteil werden, und sittlich wird, was ihren Doktrinen und ihren wechselnden Zielen dient.

Das säkularisierte und konsumfreudige Subjekt sucht also nach Möglichkeiten der Befriedigung seines metaphysischen Bedürfnisses jenseits der religiösen Traditionsbestände, die durch den Nihilismus verdrängt wurden. Es findet sie vor allem in Erzeugnissen der Film-, Werbe- und Musikindustrie, wo Stoffe mit mythischen und religiösen Topoi konsumgerecht recycelt werden.

Kult-Marketing und Gutmenschentum nach dem Tod Gottes

Die Trendanalytiker Norbert Bolz und David Bosshart zeigen in ihrem Buch Kult-Marketing: Die neuen Götter des Marktes wie Marketing- und PR-Experten geschickt dieses Zusammenspiel von Marken, Medien und Mythen inszenieren. Mittels Kult-Marketing wird suggeriert, dass Produkte einen spirituellen Mehrwert haben und sich die Welt in nihilistischen Zeiten durch bloßen Konsum wiederverzaubern lässt.

Aber auch politische Ideologien wie die vorherrschende Political Correctness fungieren als Ersatzreligionen. Gemeinsam ist diesen Religionssubstituten, dass sie sich ohne Transzendenz legitimieren und Wohlfühlglück, Selbstverwirklichung sowie Erlösung im Diesseits versprechen.

Der Waldgang als Ausweg aus der nihilistischen Wüste

Sind wir nun diesen nihilistischen Mächten heillos ausgeliefert? Keineswegs. In Der Waldgang (1951) entwirft Ernst Jünger nämlich eine Figur, die sich dem Nihilismus widersetzen kann: den Waldgänger. Für diesen Typus Mensch steht fest, dass er nicht zum Spielball der Machenschaften und Seinsvergessenheit seiner Zeit werden will. Denn Jüngers Waldgänger weiß, dass es einen Ort gibt, wo der Zugang zu höheren Ordnungen noch möglich ist. Dieser Ort ist der Wald.

Mystischer-Wald

Die Lehre vom Wald ist uralt wie die menschliche Geschichte, ja älter als sie. Sie findet sich bereits in den ehrwürdigen Urkunden, die wir zum Teil erst heute zu entziffern verstehen. Sie bildet das große Thema der Märchen, der Sagen, der heiligen Texte und Mysterien. Wenn wir das Märchen der Steinzeit, den Mythos der Bronzezeit und die Geschichte der Eisenzeit zuordnen, so werden wir überall auf diese Lehre stoßen, falls unsere Augen dafür geöffnet sind. Wir werden sie in unserer uranischen Epoche wiederfinden, die man als Strahlungszeit bezeichnen kann. Immer und überall ist hier das Wissen, daß in der wechselvollen Landschaft Ursitze der Kraft verborgen sind und unter der flüchtigen Erscheinung Quellen des Überflusses, kosmischer Macht. Das Wissen bildet nicht nur das symbolisch-sakramentale Fundament der Kirchen, es spinnt sich nicht nur in Geheimlehren und Sekten fort, sondern es stellt auch den Kern der Philosopheme, wie überaus verschieden immer deren Begriffswelt sei. Im Grunde gehen sie auf das gleiche Geheimnis aus, das jedem offen liegt, den es einmal im Leben weihte, sei es nun, daß es als Idee, als Urmonade, als Ding an sich, als Existenz der Heutigen begriffen wird. Wer einmal das Sein berührte, überschritt die Säume, an denen Worte, Begriffe, Schulen, Konfessionen noch wichtig sind. Doch lernte er, das zu ehren, was sie belebt.

Nach Ernst Jünger kann sich der Einzelne in den Wald zurückziehen, um dem Metaphysischen zu begegnen. Der Wald ist aber kein bestimmter, sondern der Eintritt in den Wald kann sich vielmehr überall ereignen. Denn „Wald“ ist eine Metapher für die Möglichkeit, in Kontakt mit ewigen Zusammenhängen zu kommen.

Waldgang-Ernst-Jünger

Vor diesem Hintergrund wartet Jünger in Der Waldgang mit einer neuen Konzeption der Freiheit auf. Freiheit erlangt man gegenüber den nihilistischen Auswüchsen seiner Zeit im Wald, der direkt in der Natur, aber auch in einer Großstadt durchschritten werden kann. Und damit dies gelingt, muss der Einzelne für die Erfahrung des Absoluten und Mystischen offen sein. Ist das noch jemand?

2 Gedanken zu „Ernst Jünger – Waldgänger in nihilistischen Zeiten

  1. C.Meier

    Das, sich auf das metaphysische, mystische und geheimnisvolle zu besinnen, würde vermutlich vielen Menschen gut tun, nicht nur um einen neuen Blick für die Vielfalt des Lebens zu bekommen, als auch für all diese Gesellschaften, die von neuen Werten geprägt sind die jeglichen Sinn entbehren oder aber alten Werten die sich auf Dogmen berufen die noch nie einen Sinn ergaben im betrachten des grossen Ganzen.

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