Wittgensteins konservative Lebenskunst

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In Deutschland wird ein Jargon der Lebenskunst gesprochen. Man vernimmt ihn in philosophischen Seminaren und im einschlägigen Feuilleton. Wie ein Mantra beschwören diese Apostel der Lebenskunst einen Topos, der im 20. Jahrhundert vor allem Ludwig Wittgenstein zugeschrieben wird: Philosophie ist „Arbeit an Einem selbst“. 

Wo vielen der Sinn nach zügellosem Hedonismus, Narzissmus und stark herabgesetzten Schamgrenzen in der Öffentlichkeit steht, ist gegen die Aufforderung zur Arbeit an sich selbst eigentlich nichts einzuwenden. Schließlich will der „Gebrauch der Lüste“ (Michel Foucault) gelernt sein und dazu bedarf es einer Anstrengungsbereitschaft, damit das Maßhalten und vielleicht sogar die Askese gelingen.

Jedoch übersehen jene, die Wittgenstein nun als den Philosophen der Lebenskunst feiern, dass er mit dem Diktum „Arbeit an Einem selbst“ keine harmlose Selbstoptimierung des Einzelnen im Blick hatte. Denn Wittgenstein scheute sich nicht, einen entschiedenen Bruch mit der modernen Massengesellschaft zu vollziehen.

Ist Ludwig Wittgenstein ein politischer Denker?

Welches Potential Wittgensteins Philosophie zur Abkehr von der Moderne birgt, hat auch Jean-François Lyotard erkannt. Durch ihn, den Verkünder der Postmoderne, erfuhr Wittgensteins Neologismus „Sprachspiel“ regelrecht eine politisch motivierte Rezeption. Als enttäuschter Linker distanzierte sich Lyotard nämlich von allen „Meta-Erzählungen“ (Aufklärung, Idealismus, Historismus), die in der Moderne nach Hegemonie streben und proklamierte stattdessen den gesellschaftlichen Kampf zwischen heterogenen Sprachspielen. Damit läutete er der Moderne, die aus seiner Sicht mit einem Totalitätsanspruch auftritt und sich gegen die Vielfalt von Diskursen wendet, generell die Totenglocken.

Wie sehr sich nun aber die Apologeten der Postmoderne auf Wittgensteins Begriff des Sprachspiels beziehen mögen – seine Auffassung von Kultur ist mit ihrem Hang zur Beliebigkeit völlig inkompatibel. Das liegt vor allem in Wittgensteins konservativ-elitärer Haltung begründet, der er wohl in keiner anderen Sentenz seines Werkes so verdichtet einen Ausdruck verlieh wie mit der Bemerkung: „Kultur ist eine Ordensregel“.

Diesen lapidaren Satz, den Wittgenstein im Januar 1949, zwei Jahre vor seinem Tod, in eines seiner Hefte schrieb, stellt auch Peter Sloterdijk in den Mittelpunkt seiner innovativen Wittgenstein-Interpretation, die er in dem Bestseller Du mußt dein Leben ändern präsentiert.

Sloterdijk sieht in Wittgenstein den Verfechter eines „sezessionistischen Kulturbegriffs“, der aus dessen „nie aufgegebenen österreichischen Erbe“ stamme. Und was eine Sezession ist, habe Wittgenstein von Kindertagen an gewusst, „da die Abspaltung der Künstlergruppe um Gustav Klimt, Koloman Moser und Josef Hoffmann von dem historisch geprägten konservativen Wiener Künstlerverein im Jahr 1897 eines der Hauptereignisse des Wiener Fin de-siècle gebildet hatte. Karl Wittgenstein, 1847-1913, der Vater des Philosophen, ein Stahlindustrieller und Musikmäzen, rechnete zu den wichtigsten Sponsoren der Sezession, nicht nur bei der Einrichtung des Gebäudes am Karlsplatz, sondern auch durch die persönliche Förderung einzelner Künstler.“ Sloterdijks Deutung, dass Wittgensteins Kulturbegriff Ausdruck einer besonderen ästhetischen Sensibilität sei, die er seiner familiären Herkunft verdankt, übersieht jedoch Wesentliches: Die Vorliebe des Wiener Sprachphilosophen für Oswald Spenglers konservativer Kritik an der Massengesellschaft.

Oswald Spengler – der umstrittene Bezugsautor

Laut Spenglers kritischer Diagnose sucht die Masse nur Vergnügen und Zerstreuung, während sich der Kulturmensch distinguiert dem Edlen zuwendet. Dass Sloterdijk Wittgensteins Interesse für Spengler nicht erwähnt, ist aber gewiß nicht der Zeitgeisthörigkeit geschuldet, die bei den meisten verbeamteten Theoriepflegern gegenwärtig zu beobachten ist. Denn Sloterdijk schert sich bekanntlich nicht sonderlich um Tabuzonen und Meinungskorridore in der bundesdeutschen Öffentlichkeit.

Wer indes heute im Rahmen staatlich geförderter Sonderforschungsbereiche und Excellenscluster an deutschen Universitäten Wittgensteins Werk interpretiert, der verschweigt entweder dessen Begeisterung für Spenglers Buch Der Untergang des Abendlandes oder führt einen Eiertanz vor ihr auf. Die etablierten Gralshüter der deutschen Geistesgeschichte wollen schließlich nicht, dass Spengler als ein Denker gilt, der Wittgensteins Blick auf die abendländische Kultur beeinflusste. Vielmehr habe man Spengler auf dem Schrottplatz der Ideengeschichte zu entsorgen und – wie alle konservativen Revolutionäre der Weimarer Republik – als einen intellektuellen Wegbereiter des braunen Terrors zu lesen. Beigetragen zu dieser fragwürdigen Entwicklung hat insbesondere Fritz Stern mit seinem Buch Kulturpessimismus als politische Gefahr.

Lebenskunst im Untergang des Abendlandes

Georg Henrik von Wright, ein finnischer Philosophieprofessor, der in einer freundschaftlichen Beziehung zu Wittgenstein stand, bemerkte hingegen 1982 noch unbefangen, wie wichtig Wittgensteins Spengler-Lektüre zum Verständnis von dessen Persönlichkeit und Denken ist:

Wittgenstein did not, like Spengler, develop a philosophy of history. But he lived the `Untergang des Abendlandes´, the decline of the West, one could say. He lived it, not only in his disgust for contemporary Western civilization, but also in his deep awe and understanding of this civilization´s´ great past.

Wittgenstein war ein stiller Konservativer. Er propagierte keinen dezisionistischen Existentialismus, der sich gegen „die Öffentlichkeit, die alles verdunkelt“ (Heidegger) richtet. Seine Auseinandersetzung mit der Selbstsorge des Subjekts ist diskreter als jener berühmte Aufruf zur „Eigentlichkeit“ des Philosophen aus dem Schwarzwald. Dennoch können in seinen Büchern und nachgelassenen Heften viele Spitzen gegen das konturlose Dasein des Individuums in der Massengesellschaft gefunden werden. Lassen wir uns diese Fundgrube nicht von forschungspolitischen Tendenzen zuschütten.

Im Folgenden ein paar Fundstücke zu Wittgensteins konservativer Lebenskunst:

Ich glaube, daß die Erziehung der Menschen heute dahingeht, die Leidensfähigkeit zu verringern. Eine Schule gilt heute für gut, `if the children have a good time´. Und das war früher nicht der Maßstab. Und die Eltern möchten, daß die Kinder werden, wie sie selbst sind (only more so) und doch lassen sie sie durch eine Erziehung gehen, die von der ihren ganz verschieden ist. – Auf die Leidensfähigkeit gibt man nichts, denn Leiden soll es nicht geben, sie sind eigentlich veraltet“ (Wittgenstein in Über Gewißheit).

Doch sobald man eine Methode gefunden hat, sind die Möglichkeiten des Ausdrucks der Persönlichkeit entsprechend eingeschränkt. In unserem Zeitalter besteht die Tendenz, solche Möglichkeiten zu beschneiden, und das ist charakteristisch für eine Zeit kulturellen Niedergangs oder ohne Kultur. Das heißt nicht unbedingt, daß ein großer Mensch in solchen Epochen weniger groß ist, doch die Philosophie wird heute zu einer Sache der Geschicklichkeit reduziert, und der Nimbus der Philosophie verschwindet“ (Wittgenstein in Vorlesungen 1930 – 1935).

Tradition ist nichts, was Einer lernen kann, ist nicht ein Faden, den Einer aufnehmen kann, wenn es ihm gefällt; so wenig, wie es möglich ist, die eigenen Ahnen auszusuchen. Wer eine Tradition nicht hat und sie haben möchte, der ist wie ein unglücklich Verliebter“ (Wittgenstein in Über Gewißheit).

Die Weisheit ist etwas Kaltes, und insofern Dummes. Der Glaube dagegen, eine Leidenschaft. Man könnte auch sagen: Die Weisheit verhehlt Dir nur das Leben. Die Weisheit ist wie kalte, graue Asche, die die Glut verdeckt“ (Wittgenstein in Über Gewißheit).