Thymos und digitale Psychopolitik

thymos-und-digitale-psychopolitikStolz, Empörung, Zorn, hoher Selbstbehauptungswille und akute Kampfbereitschaft waren für die antiken Griechen einst natürlicher Ausdruck des Thymos, einer Kraft, die neben Eros und Logos das menschliche Seelenleben bestimmt. Die Gegenwart ist jedoch, wie der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Buch Zorn und Zeit diagnostiziert, geradezu thymos-feindlich. Denn seit die Political Correctness zur Ersatzreligion von Intellektuellen, Politikern und Journalisten avancierte, stehen thymotische Regungen im Politischen unter Generalverdacht und werden pathologisiert sowie kriminalisiert.

Dass die politische Existenzweise des Menschen gekennzeichnet ist von einem fortwährenden Kampf um Macht, Anerkennung, Positionen und territoriale Grenzen, passt nämlich nicht zu dem Traum von einer gewalt- und feindlosen Welt, den die Gouvernanten der Political Correctness hegen.

Sloterdijks Theorie der Psychopolitik

Sloterdijk knüpft mit seiner Theorie der Psychopolitik an Francis Fukuyama an, der mit seinem Bestseller The End of History and the Last Men die Aufmerksamkeit des philosophischen Denkens wieder auf die politische Bedeutung des Thymos lenkte. Fukuyamas Überlegungen zur thymotischen Dynamik politischen Handelns führt Sloterdijk dezidiert fort und kommt zu folgendem Ergebnis:

Politische Akteure wie Staaten, Parteien, Bewegungen und Einzelpersonen stehen permanent unter thymotischer Spannung, da sie sich wesentlich dadurch konstituieren, Ansprüche, Forderungen und Abgrenzungen gegen andere politische Akteure vorzubringen.

Auch die Rhetorik, die politische Praktik par excellence, begreift Sloterdijk als eine Kunstlehre der Affektlenkung in politischen Auseinandersetzungen. Die Rhetorik ist quasi angewandte Thymotik, da politische Meinungen einen kontinuierlichen Bezug zu den thymotischen Regungen des Kollektivs und des politisch-medialen Komplexes aufweisen.

Der thymotische Bürger in der politischen Öffentlichkeit

Dass diese psychodynamischen Grundgegebenheiten des Politischen aktuell in Europa nicht nur ausgeblendet, sondern regelrecht unterdrückt werden, betont Sloterdijk neuerdings mit Blick auf die bundesdeutschen Verhältnisse:

Mit einem Mal steht er wieder auf der Bühne – der thymotische Citoyen, der selbstbewußte, informierte, mitdenkende und mitentscheidungswillige Bürger, männlich und weiblich, und klagt vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gegen die mißlungene Repräsentation seiner Anliegen und seiner Erkenntnisse im aktuellen politischen System. Er ist wieder da, der Bürger, der empörungsfähig blieb, weil er trotz aller Versuche, ihn zum Libido-Bündel abzurichten, seinen Sinn für Selbstbehauptung bewahrt hat, und der diese Qualitäten manifestiert, indem er seine Dissidenz auf öffentliche Plätze trägt.

Sloterdijks Beschreibung des thymotischen Bürgers, der seine „Dissidenz auf öffentliche Plätze“ trägt, eignet sich auch vorzüglich, um Phänomene im Bereich des Digitalen – wie Shitstorms, Online-Petitionen und wutentbrannte Kommentare in sozialen Netzwerken – adäquat zu verstehen. Denn Social-Media-Plattformen, Kommentarspalten bei Online-Zeitungen, Internet-Foren und Blogs sind ein fundamentaler Bestandteil der politischen Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter. Konnte der politisch aktive Mensch sich früher nur durch seine physische Präsenz im öffentlichen Raum oder mittels analoger Medien Gehör verschaffen, so steht für ihn heute zusätzlich das World-Wide-Web mit seinem enormen Reichweitenpotential und der Möglichkeit zur direkten Interaktion bereit.

Eine Theorie der Psychopolitik, die explizit das Digitale in den Blick nimmt, sollte also Sloterdijks Überlegungen zum Thymos in der politischen Öffentlichkeit positiv aufgreifen.

Die Ansichten des Digitalen von Byung-Chul Han

Erste Versuche, das Digitale unter psychopolitischen Aspekten zu betrachten, stammen von Byung-Chul Han. In seinen Büchern Im Schwarm: Ansichten des Digitalen sowie Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken vollzieht der koreanische Philosoph eine Generalabrechnung mit der Digitalisierung. Leider übersieht Han aber durch dieses vehemente Vorgehen, welche Rolle der Thymos für die psychopolitische Analyse moderner Gesellschaften tatsächlich spielt.

Denn für Han sind Affekte, die sich im Netz etwa in Form eines Shitstorms äußern, a priori verachtenswert. Vor diesem Hintergrund begreift er Shitstorms als puren Lärm, der respektlos die hoheitsvolle Macht stört.

Das Geräusch oder der Lärm ist ein akustischer Hinweis auf beginnenden Zerfall der Macht. Auch der Shitstorm ist ein kommunikativer Lärm. Das Charisma als auratischer Ausdruck der Macht wäre der beste Schutzschild gegen Shitstorms. Es lässt sie gar nicht erst anschwellen.

Byung-Chul Hans Kritik an Shitstorms – die als affektgeladene und aufrührerische Aktionen gegen die Repräsentanten der Macht gelten können – lässt ein typisches Verhaltensmuster von praxisenthobenen Philosophen erkennen: die Geringschätzung gegenüber spontanen und emotionalen politischen Handlungen des Volkes.

Auf dieses Verhaltensmuster macht auch Jacques Rancière in seinem Buch Das Unvernehmen: Politik und Philosophie aufmerksam. Nach Rancière schließen die Philosophenkönige – in deren Tradition Byung-Chul Han aufgrund seiner Abwertung plebejischen Aufruhrs in Form von Shitstorms offenbar steht – mittels eines polizeilichen Mechanismus alles aus, was nicht ihren Ansichten entspricht. Und das Politische ereignet sich laut Rancière dann, wenn diese Ordnung des Sagbaren aufgebrochen wird, um unterdrückte Anliegen zur Sprache zu bringen.

Die politische Tätigkeit lässt sehen, was keinen Ort hatte gesehen zu werden, lässt eine Rede hören, die nur als Lärm gehört wurde.

Byung-Chul Han liefert indes mit seiner Degradierung von politischen Meinungen, die via Shitstorms geäußert werden, quasi die philosophische Blaupause für die Zensur sozialer Netzwerke wie Facebook, die derzeit von Bundesjustizminister Heiko Maas gefordert wird. Damit unterstützt Han politische Bestrebungen, die das Entstehen einer Gegenöffentlichkeit und die freie Meinungsäußerung von Andersdenkenden verhindern wollen.

Gewiss, sogenannte „Hasspostings“ sind oft widerlich. Aber in vielen werden auch nur die Tabus der Political Correctness durchbrochen und vom Mainstream abweichende Meinungen aufgebracht mitgeteilt. Sie haben somit eine Ventilfunktion. Deshalb sind die anvisierten Maßnahmen von Justizminister Maas unter basisdemokratischen Gesichtspunkten nicht legitim, sondern können als Folge eines Tugendterrors eingestuft werden, der staatlicherseits ein Klima der Angst erzeugt.

Psychopolitik im digitalen Zeitalter und die Bedeutung des Thymos

Angesichts dessen sollte eigentlich eine Theorie der Psychopolitik, die auf der Höhe der Zeit sein will, das intellektuelle Rüstzeug bereitstellen, um gegen solche anti-demokratischen Tendenzen vorgehen zu können. Dies ist aber nur möglich, wenn die affektive Dimension des Politischen nicht abgewertet wird.

Peter Sloterdijk hat mit seiner Theorie der Psychopolitik, die im Wesentlichen an die Bedeutung des Thymos für das Politische erinnert, einen maßgeblichen Beitrag für die Rechtfertigung von politischem Engagement unter postdemokratischen Bedingungen vorgelegt. Byung-Chul Han verwendet stattdessen den Begriff „Psychopolitik“ nur für das Aushorchen und die Manipulation des Subjekts mittels digitaler Technologien.

Wir steuern heute auf das Zeitalter digitaler Psychopolitik zu. Sie schreitet von passiver Überwachung zu aktiver Steuerung fort. So stürzt sie uns in eine weitere Krise der Freiheit. Betroffen ist nun der freie Wille selbst. Big Data ist ein sehr effizientes psychopolitisches Instrument, das es erlaubt, ein umfassendes Wissen über die Dynamiken der gesellschaftlichen Kommunikation zu erlangen. Dieses Wissen ist ein Herrschaftswissen, das es möglich macht, in die Psyche einzugreifen und sie auf einer präreflexiven Ebene zu beeinflussen.

Freilich ist Hans massive Kritik an der Speicherung und Verwertung von Daten durch politische Organisationen und wirtschaftliche Interessenten vollkommen angebracht. Jedoch nimmt er auch möglichen Gegenbewegungen die Legitimationsbasis. Denn nach Han darf sich deren Unmut gegenüber inakzeptablem Regierungshandeln nicht mittels eines Shitstorms Bahn brechen.

Das Widerstandspotential, welches gerade die digitalen Medien durch ihre direkte Kommunikation bieten, um die politisch-mediale Klasse demokratisch herauszufordern, gilt dadurch als verwerflich. Somit bleiben Byung-Chul Hans Ansichten des Digitalen trotz ihrer Herrschaftskritik in politischer Hinsicht fragwürdig.