Im Jahr 2000 zog ich nach Berlin, wo ich seitdem lebe. Ich kam in diese für ihren rauen Charme berühmte Stadt, weil ich dringend einen Tapetenwechsel brauchte. Soeben hatte ich das Abitur in Köln erworben und wollte nun unbedingt studieren. Das Rheinland war mir jedoch mittlerweile zu vertraut geworden und Berlin lockte als die große und verheißungsvolle Unbekannte.

Mein Interesse galt damals wie heute besonders der Philosophie. Deshalb entschloss ich mich, Philosophie, Kommunikationswissenschaft sowie Soziologie an der legendären Freien Universität in Berlin zu studieren.

Mein Studium der Geistes- und Kommunikationswissenschaften

Diese Fächerkombination ermöglichte es mir, mich mit wesentlichen Bereichen der menschlichen Existenz eindringlich zu beschäftigen. Darüber hinaus bot sie mir in beruflicher Hinsicht Perspektiven, denn die Medien- und Kommunikationsbranche erlebte gerade einen Boom, der vor allem durch die zunehmende Nutzung des Internets ausgelöst wurde.

Doch bevor ich mich gänzlich dem Berufsleben widmete, frönte ich ausgiebig dem Studium. Ich gehöre zu jenen Generationen von Studenten, die intensiv ihren persönlichen Neigungen an der Universität folgen konnten. Für uns war es noch möglich, Wilhelm von Humboldts Bildungsideal zu praktizieren. Demnach ist Bildung etwas, das Menschen mit sich und für sich machen. Seit dem Bologna-Prozess und der Einführung sogenannter Bachelor-Studiengänge, die streng reglementiert sind und wirtschaftlichen Interessen gehorchen, ist das schwieriger geworden.

Wegen dieser grundsätzlichen Haltung zur Bildung empfand ich mein Studium nicht als abgeschlossen, nachdem ich den akademischen Grad des Magister Artiums erlangt hatte. Vielmehr wurde mir, während ich meine Magisterarbeit schrieb, klar, dass ich mich im Rahmen einer Promotion weiter mit politischer Philosophie beschäftigen will. Und da ich von dem Denken Michel Foucaults sehr angetan war, musste ich nicht lange nach einem Thema für meine Dissertation suchen.

In den Netzen der Lebenswelten

Allem Anschein zum Trotz führte ich in den Jahren des Studiums und der Promotion kein Leben im Elfenbeinturm. Denn ich bekam in dieser Zeit aufgrund diverser Jobs und Praktika tiefe Einblicke in unterschiedliche Lebenswelten. Neben dem akademischen Betrieb war es das politische Feld sowie die elektronische Musik- und Clubszene, in denen ich Erfahrungen sammeln konnte. Diese Erfahrungen möchte ich bei meiner heutigen Arbeit als Online-Redakteur keineswegs missen. Sind sie es doch, durch die ich die Fähigkeit erlangte, mich in verschiedene Bedarfs- und Zielgruppen einzufühlen.

Geisteswissenschaftler im digitalen Zeitalter

Oft werde ich gefragt, warum ich mit meinem philosophischen Hintergrund im Online-Marketing tätig bin. Für viele scheint darin ein Widerspruch zu bestehen. Unter einem Philosophen stellen jene sich wohl einen Menschen vor, für den nie etwas anderes als die Gutenberg-Galaxis existieren wird.

Sicherlich werde auch ich immer bibliophil bleiben. Auf gute und schöne Bücher möchte ich auf keinen Fall verzichten. Aber die digitalen Medien faszinieren mich nicht weniger. Außerdem besteht aus philosophischer Perspektive sogar eine Notwendigkeit, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn wer sich in dieser Welt orientieren will, muss die Medien verstehen, die sie prägen.

Meine Rolle als Geisteswissenschaftler bezüglich des Internets sehe ich jedoch nicht ausschließlich in dessen intellektueller Analyse oder gar Kritik. Ebenso wenig müssen sich die Geisteswissenschaften dem digitalen Zeitalter anpassen. Sie sind keineswegs antiquiert und hinken der digitalen Revolution hinterher. Vielmehr sollten Geisteswissenschaftler begreifen, dass sie die Aufgabe haben, die rasant fortschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche angemessen zu kompensieren.

Dass Google seit 2011 Webseiten-Betreiber auffordert, userfreundlichen Content zu produzieren, ist nämlich kein Zufall. Denn angesichts des schnellen technischen Fortschritts in der digitalen Welt und Fehlentwicklungen in der Suchmaschinenoptimierung besteht von menschlicher Seite ausgleichend der Bedarf nach qualitätsvollen Inhalten. Und sind nicht vor allem Geisteswissenschaftler dafür prädestiniert, dieses Bedürfnis zu befriedigen?