Geisteswissenschaften im digitalen Wandel

Geisteswissenschaften-digitaler-WandelIn den 1990er Jahren haben Trendforscher angesichts der rasant wachsenden Popularität des Internets noch propagiert: Informatik statt Germanistik! Dies war als ein Affront gegenüber den Geisteswissenschaften zu verstehen, deren Bedeutung im aufkommenden digitalen Zeitalter als marginal angesehen wurde.

Nun hat uns aber die Medienevolution eines Besseren belehrt: Das Internet entwickelte sich nicht ausschließlich zu einem Medium der technischen Informationsverarbeitung, das vorrangig Computer-Nerds nutzen. Vielmehr vollzieht sich heute die Digitalisierung in der gesamten Lebenswelt und Menschen organisieren zunehmend mit digitalen Medien ihren Alltag. Sie recherchieren nach Produkten und Services, kaufen in Online-Shops ein, tummeln sich in sozialen Netzwerken und konsumieren News, Musik sowie Videos auf diversen Plattformen.

Und gerade angesichts dieser Entwicklung haben die Geisteswissenschaften für den Medienphilosophen Norbert Bolz eine kompensatorische Aufgabe zu erfüllen, die er auf die Formel bringt: „Deep Emotions versus Big Data“.

Big Data is watching you

Was meint Bolz damit? Das ist schnell erläutert. Wer die Märkte im Internet betritt, hinterlässt digitale Fußabdrücke, aus denen wiederum stochastische Profile entstehen. Diese massive Verarbeitung von Daten durch Algorithmen ist bekannt als „Big Data“.

Bei Verantwortlichen in der Werbung hat „Big Data“ regelrecht eine Euphorie ausgelöst, da sich nun keiner mehr damit beschäftigen muss, das Konsumentenverhalten für eine möglichst effiziente Kampagne zu interpretieren. Als State of the Art im Marketing gilt jetzt die Nutzung der algorithmischen Korrelation von Daten.

Damit folgen Marketer quasi einem Prinzip, das Chris Anderson, der ehemalige Chefredakteur von Wired, in seinem Artikel The End of Theory: The Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolet lakonisch als „correlation is enough“ bezeichnet. Anderson ist überzeugt: Man muss nicht mehr verstehen, was in der Welt passiert und man muss nicht mehr das Verhalten von Menschen erklären, wenn Algorithmen Daten sinnvoll in Beziehung setzen und verarbeiten können.

Geisteswissenschaftler als Sinnlieferanten im digitalen Wandel

Daher ist für Bolz klar: Durch „Big Data“ ist die alte Grundüberzeugung, dass der Mensch mittels seines natürlichen Strebens nach Wissen zur Selbsterkenntnis gelangt, nicht nur ins Wanken geraten, sondern buchstäblich weggewischt worden. Aber diese Situation ist für Menschen unerträglich und deshalb brauchen sie zur Kompensation mehr denn je „Deep Emotions“.

Mit „Deep Emotions“ bezeichnet Bolz einen Bereich menschlicher Existenz, der mit Informations- und Datenverarbeitung überhaupt nichts zu tun hat: das menschliche Bedürfnis nach Gefühlen, Sinn, Ideen, Werten und Geschichten. Dieser Bereich gehört letztlich zum archaischen Erbe des Menschen und kann auch in der posthumanen Internetkultur nicht einfach abgeschüttelt werden.

Aber wer füllt nun den bedeutungsleeren Raum des Digitalen mit „Deep Emotions“? Bolz´ Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Im digitalen Wandel sind die Geisteswissenschaftler immens wichtig, also jene Menschen, die Ideen entwickeln, Orientierungswissen schaffen und emotionale Storys erzählen.

Denken versus Big Data oder: Wir brauchen eine neue Aufklärung!

Dies wird innerhalb der Geisteswissenschaften vor allem von den Literatur- und Sprachwissenschaftlern sowie den Philosophen geleistet. Der Philosophie kommt im digitalen Wandel aber noch eine spezifische Kompensationsrolle zu.

Denn es ist doch fragwürdig, „Big Data“ pauschal mit der Aufklärung zu vergleichen, wie es Viktor Mayer-Schönberger – Autor des Bestsellers Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird – in einem Interview mit der Content-Marketing-Agentur C3 tut. Gewiss, eine Gemeinsamkeit zwischen der Aufklärung und „Big Data“ lässt sich konstruieren. Sie besteht darin, dass auch Algorithmen – wie die Aufklärer – menschliches Verhalten demaskieren und Geheimnisse lüften können.

Aber für Immanuel Kant, den großen deutschen Philosophen, war Aufklärung mit einer bestimmten Haltung verknüpft:

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Deshalb kann Aufklärung heute eigentlich nur als Gegenbewegung zum technischen Vorgang des „Big Data“ verstanden werden. Denn das wesentliche Prinzip der Aufklärung, das freie, mutige Denken lässt sich nicht durch Daten und Algorithmen ersetzen.

Denken steht im Gegensatz zur algorithmischen Korrelation von Daten. Im digitalen Wandel sind also erneut die Kühnheit und das Wissen von Philosophen gefragt.