Mit Egon Friedell auf Samos

Friedell Kulturgeschichte GriechenlandsEgon Friedells Kulturgeschichte Griechenlands kann ich allen empfehlen, die nach einer anschaulichen Schilderung des hellenischen Lebens suchen. Während meines Urlaubs auf der griechischen Insel Samos war das Buch für mich ein inspirierender Begleiter.

Ich las darin zumeist im Schatten eines Feigenbaums, umgeben von dem schrillen und monotonen Gesang der Zikaden. Dabei entstanden vor meinem inneren Auge Szenen aus dem Alltag in der Polis.

Egon Friedell war ein begnadeter Stilist

Die Ursache für diese phantasieanregende Wirkung des Textes liegt in Friedells bildhafter Darstellungsweise und seinem lebendigen Schreibstil. Friedell entführt den Leser mit prägnanten Portraits von Philosophen, Poeten und Herrschern in die Welt der alten Griechen. Zudem gibt er erzählerisch dichte Einblicke in das tägliche Leben der Durchschnittsbürger und Sklaven.

In Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit – durch die er berühmt wurde – schmökerte ich vor einigen Jahren auf Empfehlung eines Geschichtslehrers. Diesem dreibändigen Mammutwerk steht die kompaktere Kulturgeschichte Griechenlands in nichts nach. Denn wortmächtig, mit fröhlicher Lebensweisheit und imponierender Sachkenntnis nimmt Friedell den Leser auch in diesem Buch auf eine spannende Zeitreise mit.

Griechenlands Kulturgeschichte von Egon Friedell

Ursprünglich war die Kulturgeschichte Griechenlands geplant als Teil eines größeren Werkes, das den Titel „Kulturgeschichte des Altertums – Leben und Legende der vorchristlichen Seele“ tragen sollte. Aufgrund seines tragischen Todes konnte Friedell es jedoch nicht fertigstellen.

Ein geistvoll-ironischer Geschichtsphilosoph

Friedell war eine außergewöhnliche und interessante Persönlichkeit. Er promovierte in Philosophie und galt als enfant terrible im Wiener Kaffeehausmilieu. Und trotz seiner jüdischen Herkunft war Friedell vom Christentum überzeugt, zu dem er als junger Mann konvertierte.

Ausgestattet mit einem beträchtlichen Erbe, das ihm eine finanzielle Unabhängigkeit verschaffte, arbeitete Friedell als Aphoristiker, Feuilletonist, Theaterkritiker, Schauspieler, Dramatiker und nicht zuletzt als Kulturhistoriker. Am 16. März 1938 nahm sich Friedell das Leben. Der Sechzigjährige sprang vom dritten Stock aus dem Fenster, als zwei SA-Männer an seiner Wohnungstür klingelten.

Egon Friedells Griechenbild

In seiner Kulturgeschichte Griechenlands verklärt Friedell die Hellenen nicht, indem er sie etwa ausschließlich als harmonisch und besonnen begreift. Das war der Grundirrtum des deutschen Klassizismus à la Winckelmann und Goethe. Aufgeklärt durch das Griechenbild Jakob Burckhardts und Friedrich Nietzsches berichtet Friedell indes auch, wie die Hellen bisweilen eine „dionysischen Raserei“ packte. Diese nahm die Form von Tanzepidemien, Massenhalluzinationen und orgiastischen Ausschweifungen an.

Friedell Kulturhistoriker GriechenlandBesonders gefällt mir die anthropologische Methode, die Friedell in seiner Kulturgeschichte Griechenlands anwendet. Die Hellenen waren für ihn „Meerwesen“, die ein „maritimes Gebirgsland“ bewohnten. Aber anders als etwa die Ägypter sahen die Griechen im Meer keine Welt des Schreckens und des Geheimnisses. Das Meer war für sie ein „schmeichlerischer gastlicher Gefährte, der zu leichten Abenteuern lockte.“ Typisch für die Hellenen war außerdem, dass sich wegen des milden Klimas fast ihr ganzes Leben außerhalb des Hauses abspielte. Daher waren die Philosophen keine Stubengelehrten, sondern unterrichteten in offenen Anlagen und Hainen. Und Figuren wie Sokrates, die Sophisten oder Diogenes kann man sich ohnehin nur auf der Straße vorstellen.

Mit Egon Friedell auf Samos

Meine Ferieninsel Samos war zeitweise die Heimat des Philosophen Pythagoras. Seinen berühmten Beitrag zur Geometrie müsste jeder aus der Schule kennen.

Ferner befand sich auf Samos der Tempel der Göttin Hera. Die kläglichen Überreste dieses monumentalen Bauwerks, das seinerzeit wohl 133 Säulen mit einer Höhe von 25 Metern besaß, habe ich auf einer Inselrundfahrt besichtigt. Dank der Lektüre von Friedells Kulturgeschichte Griechenlands war ich beim Besuch der Tempelanlage bestens über den Götterkult der Hellenen informiert.

Tempel Hera Samos

Wer also Lust auf ein kurzweiliges Buch hat, durch das er obendrein eine Menge über die Antike lernt, dem sei Egon Friedells Kulturgeschichte Griechenlands ans Herz gelegt.

Bilder: Andreas Franken